Charlottenberg 


Ein Dorf bewahrt seine Geschichte von Heinz Simon


 




Von welcher Seite man sich dem kleinsten und jüngsten Dorf der Verbandsgemeinde Diez auch immer nähert, durch die an den Ortseingängen aufgestellten Holztafeln mit dem Dorf- und Waldenser wappen und durch das Waldenserdenkmal am Dorfgemeinschaftshaus wird man unübersehbar auf die Entstehung des Dorfes als Waldenserkolonie hingewiesen.

Diese Gründungsgeschichte gibt der kleinen Gemeinde auf den Höhen zwischen Lahn und Gelbach ihre besondere Prägung und Eigenart, der sich die Dorfbewohner durchaus bewusst sind. Mit sog. Erinnerungsfesten gedenken sie immer wieder –zuletzt 1999- ihrer glaubenstreuen französischen Vorfahren in der ,,Colonie Vaudoise de Charlotte(n)berg“, Elisabeth Charlotte, Fürstin von Nassau - Schaumburg, (1640-1707), siedelte 1699 auf dem Höhenrücken oberhalb Holzappel an der alten Fernstraße Koblenz-Wetzlar und inmitten brachliegender Ländereien 57 waldensische Glaubensflüchtlinge (zehn Familien) in der nach ihr benannten Kolonie an, deren Siedlungskern aus je fünf kleinen, strohgedeckten, einstöckigen Fachwerkhäusern beiderseits der Straße bestand. Sie gewährte ihnen Schutz und Aufnahme aus christlichem Mitleid und politischem Weitblick. Als kluge Landesherrin wusste sie, das sie diese glaubensfesten Männer und Frauen als zuverlässige und fleißige Untertanen in ihrem dünn besiedelten Fürstentum gut gebrauchen konnte.

Es waren vorwiegend Bergbauern, die wegen ihres reformierten Glaubens besonders seit 1685 n ihrer Heimat unterdrückt und verfolgt worden waren. Sie kamen aus Fenestrelle im heutigen Chisone-Tal in den Cottischen Alpen westlich von Turin (Piemont), das damals
französisches Staatsgebiet war. 1702 wurden weitere sechs Familien aus Eppenrod mit ca. 30 Personen angesiedelt, die aus dem Nachbarort Mentoulles stammten und bereits 1687 nach Nassau-Schaumburg eingewandert waren. Die Fürstin stattete ihre neuen Untertanen mit großzügigen Sonderrechten (Privilegien) aus, zu denen insbesondere die freie und öffentliche Ausübung ihres Glaubens ,,nach den Regulen der reinen Reformierten Religion“ in französischer Sprache und französischen Pfarrern gehörte. Frömmigkeit, Barmherzigkeit (Armenfürsorge), Fleiß und Rechtschaffenheit waren ihnen wichtige Tugenden. Zusammen mit den Holzappeler Wallonen versammelten sie sich als Französisch-Reformierte Gemeinde Holzappel-Charlottenberg zu ihren Gottesdiensten in der Holzappeler Kirche. Die Kinder besuchten die französische Waldenserschule. Für die Hausväter war es eine ehrenvolle Pflicht, der Gemeinde als Kirchenältester (ancien, diacre), als Schulmeister (maitre d` ecole), als Vorleser der Bibeltexte (lecteur) oder Vorsänger der Psalmen (chantre) zu dienen. Im Gottesdienst fanden die Männer geistlichen Zuspruch, Trost und Erbauung.

Das Leben der Männer, Frauen und Kinder war hart und entbehrungsreich. In den ersten Jahren war die Sterblichkeitsrate besonders hoch. Die Einwohnerzahl stieg kaum an, und das Dorf vergrößerte sich in den ersten Jahrzehnten nur unwesentlich. Die jeder Familie zugeteilten zehn ,,Localmorgen“ Ackerland mit einem kleinen Wiesenanteil bildeten mit den geringen Ernteerträgen nur eine schmale Existenzgrundlage. Nebenverdienste gab es kaum. Noch 1730 beklagte der Kirchenvorstand in einem Brief an die Generalstaaten der Niederlande die Armut der Einwohner und die geringen Ernteerträge. Das tägliche Brot bestand oft zur Hälfte aus Hafer.

Als die niederländischen Pensionszahlungen für die Pfarrer ausblieben, wurde die Gemeinde nach dem Tod des letzten Pfarrers J. L. Merat 1766 in die reformierte deutsche Kirchengemeinde Dörnberg eingegliedert. Die Waldenserkolonie war über mehr als zwei Generationen eine ethnisch, sprachlich und konfessionell nahezu geschlossene Ansiedlung, in der die deutschen Nachbarn kein Wohnrecht hatten.

Der ab 1752 auf der Grube Holzappel planmäßig betriebene Erzbergbau schuf neue Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und leitete für die Menschen der ganzen Region einen grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen Umbruch ein. Dieser Wandel erfasste auch die Waldenserkolonie Charlottenberg. Es kam zu einer Ausdifferenzierung in einige wenige bäuerliche Betriebe und eine viel größere Anzahl von Bergarbeiterfamilien mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb. Aus den Bauern wurden Bergleute, aus der Waldensersiedlung wurde ein Bergarbeiterdorf.

Mit den Strukturen änderten sich die sozialen Bindungen, die Wertmaßstäbe, die religiösen Über- zeugungen und damit auch die Fremdheit zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Das Be- streben der jungen Waldenser, ihre Ehepartner möglichst unter ihren Landsleuten zu suchen, wurde schwächer, und die identitätsstiftende frühere Geschlossenheit des Dorfes löste sich auf. Junge Berg- leute aus den Nachbardörfern suchten die Nähe zum neuen Arbeitsplatz und wurden bald durch Einheirat in Charlottenberg sesshaft. Der erste Zuwanderer (Johann P. Müller) kam 1767 aus Attenhausen. In den Dörnberger Heirats- und Taufregistern tauchten nun die deutschen Namen auf, die immer noch im Dorf geläufig sind. Debusmann, Freitag, Hasselbach, Hennemann, Jakob, Leitzbach, Müller, Maxeiner, Spöth u.a.m.. Mit dieser Zuwanderung wuchs die Bevölkerungszahl an, und das Dorf vergrößerte sich in einer zweiten Bauperiode durch den Ausbau in südlicher Richtung ab ,,Gesserts Weg“ (heute Taunusstraße). Es entstanden neue, zweistöckige Häuser beiderseits der Dorfstraße. Mit dem Bau der Dorfschule wurde dann 1874 ein vorläufiger Abschluss erreicht. Dieser Prozess der Öffnung und Anpassung vollzog sich allmählich. Die Eigenarten der französischen Einwanderer, ihre Sprache, ihre Gebräuche waren nicht auf einen Schlag verschwunden. Französisch bzw. Patois wurde allerdings bald nur noch von den Alten gesprochen. Die Jugend lernte schon ab 1765 in der Dörnberger Schule die deutsche Sprache. W. Wittgen berichtet (1905) zur Eingliederung der Waldenser in die Dörnberger Kirchengemeinde im Jahre 1766: ,, Und nun kamen sie ein ganzes Jahr lang allabendlich zusammen und verglichen Wort für Wort ihrer Bibel mit der deutschen Übersetzung,... Sie versammelten sich noch jahrzehntelang jeden Sonntag Nachmittag in ihrem Versammlungsraum in Charlottenberg, um in der Waldenserbibel zu lesen und in der Muttersprache zu singen und zu beten ... Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich das französische Gepräge der Kolonie erhalten. Seit der Zeit verloren die Bewohner, die Sprache der Väter zu reden, und damit schwanden die Sitten und Gebräuche der alten Zeit. Im Jahr 1814 konnte der Dörnberger Pfarrer Wilhelmi feststellen:,, Gegenwärtig spricht keiner mehr französisch von Ihnen“.

Die waldensische Glaubensgewissheit und Unerschrockenheit blitzte noch einmal auf, als der langjährige Schultheiß und Landwirt Johann Daniel Borel seine Tochter Catherine Elisabeth nicht mehr zum Konfirmandenunterricht des Pfarrers Wilhelmi schickte, weil er mit den Lehrinhalten nicht einverstanden war. Er wurde dafür am 1.Sept. 1833 mit einer Geldstrafe belegt.

Die Erinnerung an die ,,Colonie Vaudoise de Charlotteberg“ und an die Geschichte der Waldenser drohte in der Bevölkerung völlig in Vergessenheit zu geraten. Doch Adolf Deißmann, neuer Pfarrer der Dörnberger Kirchengemeinde von 1860-1864, zeigte erfreulicherweise Verständnis und großes Interesse für die Besonderheiten der waldensischen Glaubenstradition und für die Waldensergeschichte. Schon 1864 veröffentlichte er seine Nachforschungen in dem Buch: ,,Die Waldenser der Grafschaft Schaumburg und die Gründung des Dorfes Charlottenberg“. Die Erinnerungen an die Vorfahren, an ihre Flucht, an die mildtätige Fürstin, an die Aufnahme in Nassau – Schaumburg und an das Leben in der Kolonie wurden wieder lebendig. Pfarrer Deißmann organisierte dann am 18. August 1862 mit dem Dörnberger Schullehrer Ebertshäuser das erste sog. Erinnerungsfest an die Gründung Charlottenbergs, das in der Schulchronik ausführlich beschrieben ist und das für spätere Zeiten beispielhaft wurde. Als Datum der Dorfkirmes erinnerte der dritte Sonntag im August von nun an immer wieder an die Gründungsgeschichte. Die runden Jahrestage wurden als Erinnerungsfeste besonders feierlich begangen. Voller Dankbarkeit schenkte der Kirchenälteste Johann Daniel Borel, letzter Namensträger der alten Waldenserfamilie, Pfarrer Deißmann bei seiner Verabschiedung für seine Verdienste um die Bewahrung der ,,alten Waldenser Gedächtnis“ den letzten noch in der Gemeinde vorhandenen französischen Psalter.

Die Einwohnerzahl nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiter zu. Der damit einhergehende Siedlungsausbau führte zu einer Verdichtung der Bebauung und erreichte zuletzt die Holzappeler Straße. 1873 hatte das Dorf 216 Einwohner in 37 Familien. Es erreichte seine größte Einwohnerzahl im Jahre 1900 mit 240 Einwohnern in 40 Familien. 1924 wurde die Wasserleitung verlegt, und seit 1923 gab es elektrisches Licht in den Häusern.

Die Dorfgemeinschaft wurde in diesen Jahren durch Vereinsgründungen gestärkt: 1880 MGV Concordia; 1897 Freiwillige Feuerwehr; 1910 Krieger- und Militärverein; 1912 Sportverein; 1923 Frauenhilfe. Geselligkeit wurde im Dorf groß geschrieben.

Zum 200-jährigen Bestehen Charlottenbergs wurde am 20./21.August 1899 wieder ein großes Erinnerungsfest gefeiert, zu dem Hunderte von Besuchern aus nah und fern in die ehemalige Waldenserkolonie kamen. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde dann das Waldenserdenkmal mit dem Relief der Fürstin Elisabeth Charlotte von Nassau-Schaumburg und en Namen der Gründerfamilien enthüllt, von denen heute nur noch der Familienname Bonnet im Dorf existiert. Es wurde zum Wahrzeichen Charlottenbergs.

Das Dorf war inzwischen zwar größer geworden, und mehr Menschen wohnten in Charlottenberg. Es gab elektrischen Strom, und das Maschinenzeitalter hatte begonnen. Aber nach wie vor mussten die Menschen hart für ein einfaches und bescheidenes Leben arbeiten. Die Löhne der Bergleute waren niedrig. Die Arbeit unter Tage war schwer und ungesund. Davon zeugen der oft frühe Tod der Bergleute und die große Anzahl der Invaliden (10/1899), Witwen (16/1899) und Waisen im Dorf. Die Erträge im kleinen bäuerlichen Nebenerwerb waren gering. Sie waren aber für die oft kinder- reichen Familien zur Sicherung des Lebensunterhaltes unverzichtbar. Die wirtschaftliche und soziale Situation der Menschen, ihr Lebensstil und die gutnachbarschaftliche Dorfgemeinschaft änderten sich bis zum zweiten Weltkrieg kaum.

Nach 200-jährigem Betrieb wurde die Grube Holzappel 1952 wegen mangelnder Rentabilität still- gelegt. Die Betriebsschließung bewirkte erneut eine tiefgreifende Änderung der Lebensverhältnisse für die Menschen in Charlottenberg und Umgebung. Sichere und gut erreichbare Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten gingen verloren. Weite Anfahrten zur Arbeitsstelle bis in den Raum Koblenz oder Frankfurt und berufliche Umorientierungen wurden unvermeidlich.

Im Zuge der Gemeindereform in Rheinland-Pfalz wurde Charlottenberg 1973 bei weitgehender Bewahrung der Selbstständigkeit in die Verbandsgemeinde Diez eingegliedert.

Die Mechanisierung der Landwirtschaft machte in diesen Jahren (1969-1971) eine erneute Flurbe- reinigung und den Ausbau der Feldwege erforderlich. Die kleinparzellierte Flur verschwand und mit ihr einige hundert Obstbäume, die einst charakteristisch für die Charlottenberger Gemarkung waren. Die Nebenerwerbslandwirtschaft hörte nach und nach auf. In diese Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung gehören neben dem Wandel im bäuerlichen Raum auch innerörtliche Veränderungen, die von den Dorfbewohnern besonders stark als Verlust und Beeinträchtigung der Lebensqualität empfunden wurden: Schließung der einklassigen Volksschule (1965); Schließung der Gastwirtschaft Hofmann ,, Zur schönen Aussicht“ (1971); der Gastwirtschaft Eckart (1975); Schließung der beiden Dorfläden Debusmann (1974) und Haxel (1975); Aufgabe der Poststelle (1977).

Mit der Erschließung des neuen Baugebietes an der Holzappeler Straße ab 1982 hat inzwischen das ,,alte Dorf“ an Substanz und Einfluß verloren. Einheimische und Auswärtige haben die Gelegenheit genutzt, um in attraktiver Wohnlage hoch über dem Lahntal ihre Häuser zu errichten. Das Frauenlandhaus in der ehemaligen Gastwirtschaft Hofmann hat sich zur gefragten Fortbildungsstätte entwickelt. Die Errichtung des Feuerwehrgerätehauses in Eigenleistung (1994/1996), die Kanalisations- (1996) und Straßenbaumaßnahmen (2002/2003) u.a.m. sind zukunftsweisende Initiativen der Gemeinde zur Stärkung der Wohn- und Lebensqualität in der reizvoll gelegenen, ehemaligen Waldenserkolonie im Naturpark Nassau.

Über alle diese wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen hinweg blieb erstaunlicherweise die Erinnerung an die Gründungsgeschichte des Dorfes lebendig. Selbst in den krisenhaften Zeiten der Weimarer Republik 1924 und in der Nachkriegszeit 1949 gedachten Kirchengemeinde, Schule und Ortsgemeinde der Ansiedlung der Waldenser in Charlottenberg. Das große Jubiläumsfest zum 300-jährigen Bestehen des Dorfes vom 20.-22. August 1999 bildet den vorläufigen Abschluss dieser 150 Jahre währenden Zeitspanne von Erinnerungsfesten. Das anlässlich des Jubiläums entstandene Dorfbuch ,,300 Jahre Charlottenberg – Beiträge zur Orts- und Heimatgeschichte“ soll zusammen mit dem Inventar der Ausstellungsvitrine im Dorfgemeinschaftshaus diese Tradition weiterhin festigen und bewahren, als Brückenschlag von der Gegenwart hin zu den Anfängen des Dorfes als Waldenserkolonie und als Schlüssel zum Verständnis der tiefgreifenden Umbrüche und Veränderungen, die das Dorf und seine Einwohner im Wandel der Zeiten erleben mussten.


 

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